Familie Milchling

Ritter Conrad Milchling von Schönstadt, der 1331 den Hof kaufte, konnte auf eine über 300jährige Familiengeschichte zurückblicken. Seine Vorfahren besaßen nicht nur vom Mainzer Bischof geschenkte Güter in Schönstadt, Schwarzenborn und Dampertshausen sondern auch das Patronat für die Martinskirche.

Mit der Geschichte der Familie Milchling möchte ich nicht eine genealogische Aufstellung machen, sondern nur die Personen beschreiben, die eine besondere nachweisbare Leistung oder nicht alltägliche Geschichte hinterlassen haben.

Und so wollen wir mit Henne, Ritter und Burgmann zu Mellnau, Mitstifter der Ritterschule in Wetter, beginnen.

Nach einer Nachricht von dem Wettersehen Historienschreiber Vigelio hatte Henne Milchling von Schönstadt schon 1451 (also ca. 70 Jahre vor der Reformation) eine evangelisch gesinnte Ritterfamilie.

Er heiratete 1459 in erster Ehe Agnes von Gonterskirchen, genannt Strebekatz und in zweiter Ehe Dilga von Romers im Jahre 1466.

Er nahm unter Landgraf Hermann von Hessen an dem Kölnischen Stiftskrieg teil und starb1485. Ihm wird die Ausgestaltung des Chores der alten Kirche von Schönstadt, der bekanntlich das Jüngste Gericht und den Lebens- und Leidensweg Christi, in sanften Tönen und schwarzen Konturen zeigte, zugeschrieben.

Bei der Entdeckung 1896 wurde angenommen, dass diese Arbeit der Künstler Johan von der Leyten, der auch in der Elisabethkirche in Marburg sein Werk hinterließ, malte.

Von dem Historienschreiber Vigelio wird auch Ritter von Dernbach, der dem Inquisitor Conrad von Marburg, den Kopf spaltete, genannt.

Henne von Milchling war mit der Familie Dernbach aus Amönau befreundet, da sie sich gegenseitig ihre Urkunden besiegeln ließen.

Sein Enkel, Johann d. Ä., Burgmann in Mellnau, Amtmann zu Eilhausen, war 1543 Bevollmächtigter des Grafen von Waldeck und wurde mit dem Wasserschloss und Gütern in Helmighausen 1544 belehnt, wo später ein Zweig der Familie immer weiter residierte.

Er heiratete Anna von Liederbach aus Battenfeld, die ein großes Vermögen in Form von Ländereien im Amt Battenberg mit in die Ehe brachte.

Johann d. J., 1568 Oberamtmann der Obergrafschaft Katzenelnbogen und Gesandter Landgrafs Philipp des Großmütigen, ein Karrieremacher, der zu spät ans Heiraten denkt, und so hinterlässt er seiner Witwe Guda Spiegel von Pickelsheim 1573 einen kleinen Jungen und einen Postumus (bei seinem Tode noch nicht geboren) namens Georg, der später Hofgerichtsrat zu Marburg und Ortsvorsteher der Althessischen Ritterschaft wird.

Johanns Witwe kämpft um die Besitzungen der Familie und versucht alles zusammenzuhalten, wobei es ihr aber nicht gelingt den belehnten Hof und Zehntrechte in Dornheim bei Groß-Gerau über ihren Tod hinaus für die Familie zu erhalten.

Auch von ihrem Schwager und Vormund ihrer Kinder Philipp von Milchling, Rittmeister und Herr auf Helmighausen, bekommt sie wenig Unterstützung und sie muss sogar um die Kollatur (Patronat) der Kirche für ihre Kinder kämpfen.

Einer der Milchlinge, der eine sehr lange Zeit für Land, Leute und auch für seine Familie sorgte, war Georg, Enkel des Johann d. J.

Als 90jähriger starb er 1693 in der Schönstädter Burg. Die Leichenpredigt, die auf 70 Folioseiten gedruckt wurde, ist heute noch erhalten. Er war bis zu seinem 85. Lebensjahr noch Samthofgerichtsrat in Marburg und war seit 1650 Obervorsteher der Althessischen Ritterschaft, verheiratet mit Anna Katharina von Westphalen zu Hoppicke, die ein Jahr nach seinem Tode in Marburg verstarb. Sie wurde in der Elisabethkirche beerdigt.

Er studierte lange Jahre mit seinem Magister (Hausleherer) in Brabant und Holland. Sein ältester Sohn wurde im Burghof beim Waffenreinigen von einem Reisigen (bewaffneter Knecht) irrtümlich erschossen, der zweite Sohn stand im Dienst des Herzogs von Lothringen und kämpfte bei Mohacs in Ungarn gegen die Türken, wobei auch sein Schwager, der spätere Oberst Johann Reinhard von Hornberg zur Fiddemühle, teilnahm.

Die siegreiche Schlacht hat er unverwundet überstanden, aber in Graz erlag er einer Kopfkrankheit.

Georgs Schwester Guida war seit 1651 mit Otto von Scholley von Fleckenbühl verheiratet. Seine Brüder Johann und Garl besuchten die Stiftsschule in Hofgeismar.

Bei Johann verwischen sich die Spuren, aber von Garl, der 1641 gestorben ist, sind aus seiner Studienzeit in Bourges in Mittelfrankreich interessante Aufzeichnungen erhalten.

Die 1694 verstorbene Ehefrau des Georg, Anna Katharina von Westfalen, gab viel und hinterließ viel Geld für die Armen.

Anfang des 18. Jahrhunderts zahlte der Sohn gegen Quittung Teilbeträge von dieser Hinterlassenschaft aus. So bekommt auch u. a. der Schönstädter Schmiedemeister Kirchhain, der in Schwabendorf verheiratet und dort eine Schmiede hatte, Geld für die Armen der reformierten Kirche.

Es ist bekannt, dass die französischen Flüchtlinge „auf der Schwebe” in den ersten zwanzig Jahren große Not hatten.

Nachdem die beiden ältesten Söhne verstoben waren, wurde das Familienvermögen zwischen den beiden übrigen Brüdern aufgeteilt. Wilhelm Bernhard bekommt Helmighausen, wo er 1700 stirbt. Sein Bruder Georg Moritz erhält das Schönstädter Gut. Er war Obereinnehmer der Althessischen Ritterschaft und Obervorsteher der Hohen Hospitalien in Hessen und verheiratet mit Clara Katharina Spiegel zum Desenberg.

Er prozessiert „mit dem Tod und Deubel”, jede Kleinigkeit musste er gerichtlich regeln. Er selbst wird auch verurteilt wegen Fischens und „Wasserabschlagens” im Roten Wasser. Da er aber nicht bezahlt, werden ihm 20 Schafe gepfändet, die er aber später, gegen Erstattung des Futters, zurückbekommt.

Er führt auch mit dem Brächter Förster Handwerk einen erbarmungslosen Kampf, worin seine Söhne und sein eigener Jäger verwickelt werden. In der Schwarzenborner Gemarkung in der „Seibertshütte” wird von dem Förster den Söhnen die Flinte abgenommen, die sie aber nach 20 Jahren zurückbekommen.

Ein andermal, in der Reddehäuser Gemarkung, trafen sie den Förster erneut, und der Milchling’sche Jäger Preuschen, ein Enkel des Pfarrers Ruppersberg, der viel Mut haben musste, schnitt die Uniform des Försters auf dem Leibe in Stücke, sodass der sich halbnackt bei Georg Moritz beklagte.

Glas Georg Friedrich ließ 1722 die „neue” Landstraße nach Marburg bauen, wie es auf einer Kartenskizze steht. Die alte Straße ging über Reddehausen und diese „neue” Landstraße war die uns heute noch bekannte Napoleonstraße neben dem Flugplatz.

Sein Sohn war Clas Georg Friedrich, der als junger Mann ein abenteuerliches Leben als Rittmeister unter August dem Starken von Sachsen und König von Polen führte.

Er ist der Erbauer des jetzigen Schlosses zu Schönstadt und wurde 1746 Ortsvorsteher der Althessischen Ritterschaft. Verheiratet seit 1734 mit Sybilla Luisa Schenk zu Schweinsberg-Kestrich.

Sein Bruder Dietrich Adam Friedrich erhält Helmighausen, wird Fürstl. Waldeckischer Oberst im holländischen Sold, und heiratete die Schwester seiner Schwägerin, Hedwig Dorothea.

Der schon so oft erwähnte Hess. Cass. Cammerherr (heute Staatssekretär) und Sohn des Glas Georg Friedrich, Dietrich Georg Ludwig Milchling führte ein flottes Leben in Kassel, wie seine Hinterlassenschaft bezeugt.

Der Hof in Schönstadt wurde an seinen Jäger Rößel verpachtet, der wiederum einen anderen Jäger einstellte, der für den Junkernwald und die Gartenanlagen, sowie Gemüsegärten zuständig war. 1774 erntet er Spargel, pflanzt zwei Maronibäume (Esskastanie) und sät Tumjan.

Bild: Adriane Chraplewski

Dietrich Georg Ludwig Milchling von Schönstadt, der 1798 starb, wurde in der neuen Familiengrabstätte am Junkernwald beerdigt. Der Zeit entsprechend wurde ein Obelisk über seine Gruft errichtet. Im Vordergrund das Grabkreuz seines Neffen Carl Theodor Milchling.

Dietrich Georg Ludwig heiratete mit 40 Jahren Sophie Eleonore Justine von Geusen, die Tochter eines Säch.-Eisenacher Cammerjunkers und Amtmanns.

Diese Ehe blieb aber kinderlos. Wenn er auch nicht immer in Schönstadt lebte, so überliefert er uns viele Schönstädter Probleme seiner Zeit, da eine dreijährige Korrespondenz von 1774-1776 vorhanden ist.

Bei dem Tode seiner Frau beschließt er mit Pfarrer Justi, Lehrer Schmiermund und Bürgermeister Kirchhain, dass die tägliche Totenglocke nicht schlagen sollte, da es im Hause genug Trauer gäbe.

Nicht verhindern konnte er 1798 sein eigenes, vier Wochen dauerndes Totengeläut, das durch den Landgrafen per Verfügung angeordnet wurde.

Er ist der erste, der auf dem Platz am Rande des Junkernwaldes, den Lehrer Schmiermund (sein Mitarbeiter u. Freund) ausgesucht hat, beerdigt wurde.

Von seinem Neffen Carl Theodor, der wieder mal aus Helmighausen einspringen muss, ist die genaue Kostenberechnung und der Verlauf der Beerdigung aufgezeichnet worden. Die Handwerker, die dabei beschäftigt waren, werden namentlich aufgeführt.

Carl Theodor, der Fürstl. Waldeckische Oberstallmeister, der Viertranghöchste im Staat, kam als 43jähriger Familienvater gern nach Schönstadt, denn hier steht ihm mehr Geld zur Verfügung als bei der hohen Stellung und der Macht in Arolsen.

Er ist ein genauer Mensch, der alles ordnet und Klarheit in verschiedenen Sachen, die sein Onkel oder Vorfahren vernachlässigten, schafft.

Er kümmert sich auch um die vielen Güter und Häuser in Laisa, Battenfeld, Allendorf/Eder, Berghofen, Reddighausen, Rennertehausen, Battenberg und Wollmar, die schon in der fünften Generation von der Familie Jacobi aus Berghofen verwaltet werden.

Der Schönstädter Hof wird auch wieder verpachtet. Er muss auch zwei Prozesse, die er beide verliert, über sich ergehen lassen. Einmal gegen den Dorfmüller Feußner und dann 1806 gegen den Müllernachfolger Johann Heinrich Eucker in Gemeinschaft mit dem Gastwirt und Schöffen Johannes Mauß.

Bild: Adriane Chraplewski

1937 wurde „Der letzte seines Geschlechts”, wie auf dem Grabstein steht, unter Anteilnahme der Schönstädter Bevölkerung in dem Familiengrab beigesetzt.

Carl Theodor war mit Karoline Hermann von Sonneberg, die der noch nicht verheirateten Schwiegertochter, einer Magd aus Oberrosphe, das Leben zur Hölle machte, verheiratet.

Nach Heirat seines Sohnes Ludwig, genannt Luis, mit der Mutter seiner siebenjährigen unehelichen Tochter Berta Luise, verlässt Mutter Karoline das Schönstädter Schloss und zieht nach Arolsen.

Die alten Frauen in Schönstadt haben noch 100 Jahre lang den jüngeren Frauen weitererzählt, wie es sich dort zugetragen hatte mit der schönen Magd Barbara Kermes, „die Mäd”, wie sie von der Schwiegermutter genannt wurde.

Ludwig von Schönstätt, wie er sich später nennt, kommt als zweijähriger Knabe nach Schönstadt und wächst hier auf. Luis wird Kurfürstl. Hess. Jagdjunker und erhält am 19. Dezember 1822 einen Gewehrschein der ihn genau mit einer „Gestaltbeschreibung” identifiziert: „Alter: 26 Jahre, Größe: 5 Fuß und 7 Zoll, Haare: rothbraun, Stirn: hohe, Augenbrauen: braun, Augen: braun, Nase: stark, Mund: ordinair, Bart: rothbraun, Kinn: rund, Gesicht: oval, Gesichtsfarbe: gesund, Besondere Kennzeichen: keine”.

Luis hat auch gut verheiratete Schwestern. So ist ein Schwager der Fürstl. Waldeckische Hofmarschall Alexander Felix von Dallwigk zu Lichtenfels, Erbherren zu Kampf-Züschen. 53jährig stirbt Ludwig an einer Atmungskrankheit in Bad Ems und hinterlässt außer der Witwe, den Sohn Ferdinand Wilhelm Carl Ludwig Emil und die Töchter Berta-Luise, Rosemunde und Marianne, die spätere Frau von Florens von Heydtwolff zu Germershausen bei Oberweimar.

Die Tochter Karoline ist vierjährig gestorben. Seine Frau, „die Mäd”, wird 81 Jahre alt und stirbt 1885 in Marburg.

„Der letzte Schönstädter” Ferdinand Wilhelm usw., der in Schönstadt nur Baron genannt wird, wurde 1883 auch in den Kreistag gewählt.

Er war ein sehr stolzer, aber auch arroganter Mann und leidet darunter, dass der Adelsstand immer mehr an Bedeutung verlor. Er nennt sich auch nur noch Gutsbesitzer, wie auch schon sein Vater Luis.

Als die Preußen kamen war er erst 25 Jahre alt und mit 27 hat er Marie Sophie Elisabeth Schenk zu Schweinsberg geheiratet. Seine Tochter Irene, das erste Kind, ertrank im Alter von 2 Jahren im Roten Wasser, das den Schlossgarten umfließt.

Sein ältester Sohn Wilhelm Ludwig Carl Walter Moritz Alexander stirbt 32jährig in Singapur, nachdem er 4 Jahre zuvor in Schanghai Mabel Mc Karthy heiratete.

Der zweite Sohn Georg, Dietrich Florens Gustolf Felix Moritz Alexander wird Berufssoldat, wie auch sein jüngster Sohn Max Christian Albert Ludwig, der 1907 Hauptmann und 1914 Major wird und infolge eines Unfalls 1914 in Mainz stirbt.

Die fluchtartige Abreise und Aufgabe bzw. der Verkauf der Schönstädter Besitzungen bleibt vorerst noch ein Rätsel, denn im April 1890 bewirbt sich Ferdinand Wilhelm Carl Ludwig Emil noch um die Schwarzenborner Feldjagd. Im besten Mannesalter von 49 Jahren verlässt er Schönstadt auf Nimmerwiedersehen, wo seine Vorfahren über fünfeinhalb Jahrhunderte lebten und wirkten.

Er zieht nach Leimen bei Heidelberg und bewohnt eine, als Herrenhaus ausgebaute Mühle, wo er sechs Jahre später stirbt.

Sein Sohn in Singapur, der dort Kaufmann und später im britischen Zolldienst beschäftigt war, kam durch eine Cholera-Epidemie mit seiner jungen Frau ums Leben. Sie hinterließen die Tochter Irene Angela, die später in Berlin den Kaufmann Walter Stolzenberg heiratet. Nachkommen dieser Irene waren vor einigen Jahren in Schönstadt und haben das Schloss ihrer Vorväter besichtigt.

Der längstlebende dieser Familie, Georg Dietrich, als letzter seines Geschlechts, machte eine militärische Karriere. Er war 1907 Hauptmann und Kompaniechef des 1. Garderegiments zu Fuß, wo auch ein in Schönstadt wohnender Feldwebel Dienst tat, dann wurde er zum Major und Kommandant des 3. Garderegiments zu Fuß ernannt. 1918 wurde er zum Oberst befördert. Dieses Regiment war auch die Stammeinheit des Generalfeldmarschalls von Hindenburg.

Georg Dietrich starb am 6. September 1937 in Hannover und wurde einige Tage später in Schönstadt in der Familiengrabstätte, genannt Junkersgrab, bestattet.

Es wird für immer ein Rätsel bleiben, warum diese einst so mächtige und reiche Familie völlig verarmt ausgestorben ist.

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